Grenzsetzungen in der Kinder- und Jugendhilfe

Liebe Leserinnen und Leser,

Grenzen definieren, setzen und einhalten gehört zum erzieherischen Alltag in jeder Familie, Kita, Schule oder Heimeinrichtung. Grenzen schränken ein, geben Orientierung und vermitteln Sicherheit. Sie sind wichtig, damit ein junger Mensch lernt, gut mit sich und anderen umzugehen. So weit, so gut, aber wie sollen Grenzen gefunden, wie vermittelt und wie durchgesetzt werden? Diese Fragen stellen sich nicht nur (fast) alle Eltern und Lehrer(innen), auch viele Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe beschäftigen sich immer wieder damit. Und wir tun das jetzt auch. Mit dieser Ausgabe der Zeitschrift jugendhilfe wollen wir das Thema Grenzsetzungen in der Kinder- und Jugendhilfe von verschiedenen Perspektiven aus betrachten. Dazu haben wir wie immer renommierte Theoretiker(innen) und Praktiker(innen) gebeten, einzelne Aspekte näher zu beleuchten.

Unter der Überschrift »Die Wichtigkeit von Grenzen in der Erziehung« führt Prof. Dr. Klaus A. Schneewind in das Thema ein. Ausgehend von der Qualität von Eltern-Kind-Beziehungen stellt er das Erziehungs- und Beziehungskonzept »Freiheit in Grenzen« mit den Elementen elterliche Wertschätzung, Fordern und Grenzsetzung sowie Gewähren und Fördern von Eigenständigkeit vor.

Prof. Dr. Jörg Maywald stellt in seinem Beitrag zunächst fest, dass das Bedürfnis nach sinnvollen Begrenzungen, Regeln und Strukturen zu den Grundbedürfnissen jedes Kindes gehört. Grenzsetzungen, so Maywald, müssen aber kindgerecht erfolgen und mit den Rechten der Kinder vereinbar sein. Dafür schlägt er die Einführung des Kinderrechtsansatzes und einer damit verbundenen Ethik pädagogischer Beziehungen vor.

Wer mündige Erwachsene möchte, die souverän mit dem komplexen Geflecht von Regeln und Normen in einer Gesellschaft umgehen können, sollte Grenzsetzungen für Kinder und Jugendliche überschaubar, nachvollziehbar und vor allem verhandelbar gestalten. Prof. Dr. Peter Schneider und Line Tabakovic fordern diesbezüglich einen Abschied vom Perfektionismus und von zu rigiden Erziehungsvorstellungen.

Was bedeutet Grenzsetzung in der KiTa? Prof. Dr. Malte Mienert beschäftigt sich in seinem Beitrag aus einer dezidiert entwicklungspsychologischen Perspektive mit dem Setzen von Grenzen und der Vereinbarung von Regeln mit Kindergartenkindern. Dabei klärt er zentrale Begriffe und gibt Hinweise, wie Verhaltenserwartungen mit Kindergartenkindern altersgerecht besprochen werden können.

Dr. Sven Huber stellt in Bezug auf den (sozial-)pädagogischen Diskurs zur Grenzsetzung und Strafe in der Heimerziehung fest, dass dieser weitgehend empirieabstinent geführt wird und kaum systematisches Nachdenken über Reizthemen wie Sanktionen, Disziplin oder Autorität stattfindet.

Prof. Dr. Mathias Schwabe fragt, ob es gegen das Gewaltverbot in der Erziehung verstößt, wenn Grenzsetzung mit Hilfe von Körpereinsatz erfolgt. In seinem Beitrag entwickelt er pädagogische Kriterien, die den Körpereinsatz in bestimmen Fallkonstellationen und Situationen als sinnvoll zur Durchsetzung von pädagogischen Regeln und Forderungen erscheinen lassen.

Grenzsetzungen bei Kindern und Jugend­lichen mit aggressivem Verhalten haben nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sie besonnen und professionell erfolgen. Dr. ­Andreas ­Dutschmann schlägt diesbezüglich die »3-mal-3-Strategie« zur Handlungsorientierung in schwierigen Situationen vor. Dabei unterscheidet er zwischen dem Handlungsmodus (Hass, Laie, Profi), dem Verhaltenstyp (gezielt, erregungsgesteuert, Kontrollverlust) und der Beeinflussungsebene (Sachdiskussion, pragmatische Kommunikation, Kontrolle/Grenzsetzung).

Prof. Gunter Adams und Elisabeth Uschold-Meier stellen das von Haim Omer entwickelte Konzept der neuen Autorität und des gewaltlosen Widerstands im Kontext einer therapeutischen Wohngruppe vor.

»Mit einem versöhnlichen Lächeln lassen sich zwischenmenschliche Konflikte ›spielend‹ auflösen«. Wie man das macht, erklärt Dr. Michael Titze in seinem Beitrag über den therapeutischen Humor, der durch kooperatives Spiel, paradoxe Selbstironie und selbstbewusste Naivität gekennzeichnet ist.

Die geschlechtsspezifische Dimension von Grenzsetzungen in der Kinder- und Jugendhilfe wird von Prof. Dr. Birgit Bütow und Prof. Dr. Wolfgang Tischner beschrieben. Bütow geht dabei auf Grenzsetzungen bei Mädchen in der Jugendhilfe ein und betont, dass zwischen dem Setzen von Grenzen und der Förderung des Eigensinns von Mädchen kein Widerspruch besteht. Jungs, so Tischner, brauchen »klare Ansagen«, sowohl auf der Inhalts-(Unmissverständlichkeit) als auch auf der Beziehungsebene (Ernsthaftigkeit).

Hans Jörg Koten beschreibt abschließend einen traumapädagogischen Umgang mit Regeln und Grenzen. Traumatisierte Kinder und Jugendliche brauchen vor allem Sicherheit und diese finden sie in haltgebenden Strukturen sowie in einschätzbaren und verlässlichen Bindungsangeboten.

Herzliche Grüße aus München

Dr. Andreas Dexheimer

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