Tipp des Monats 

 

 

Literatur und Medien

 

Geschichte des SOS-​Kinderdorf e.V. in Deutschland. Nur was sich ändert, bleibt bestehen


 

Richard Münchmeier,
279 Seiten,
Barbara Budrich Verlag,
ISBN 978-​3-​84740-​785-​0, 26 €


 

Der 2009 emeritierte Universitätsprofessor für Sozial-​ und Jugendpädagogik Richard Münchmeier legt mit seinem Buch eine Chronologie des SOS-​Kinderdorf e. V. in Deutschland vor. Im Vorwort skizziert Johannes Münder, aktuell Vorstandsvorsitzender des Vereins, die Motivation des Vereins zur Beauftragung des »Externen« Münchmeier zur Abfassung der Jubiläumsschrift: »Wir wollen einen detaillierten historischen Überblick, der auch kritische Aspekte nicht auslässt.«

Diesem Anspruch wird Münchmeier durchaus gerecht. Das Buch gliedert sich in acht Kapitel, es beginnt mit einer Darstellung der (wissenschaftlichen) Vorgehensweise und Methodik und endet mit Resümee und Ausblick auf die weitere Zukunft des Vereins.

In streng chronologischer Reihenfolge skizziert Münchmeier zu Beginn der einzelnen Kapitel einen Überblick über die allgemeinen politischen Verhältnisse der betreffenden Zeit in Deutschland. Daraus leitet er den gesellschaftlichen Kontext ab, der –​ je nachdem –​ als Chance und/​oder als Herausforderung für die Entwicklung der Kinderdorf-​Idee faktisch an Gestalt gewinnt.

Obwohl sich der Titel eindeutig auf die Geschichte des SOS-​Kinderdorfs in Deutschland festlegt, widmet Münchmeier Kapitel 3 (»Die Geburt der Idee ›SOS-​Kinderdorf‹«) der Gründungsphase im Tirol der Nachkriegszeit Ende der 1940er-​Jahre. Damit einhergehend zeichnet der Autor Persönlichkeit und charakterliche Eigenschaften des Gründers Hermann Gmeiner nach. Besonders hervorzuheben sind an dieser Stelle das Engagement des Autors, die damaligen pädagogischen Standards und Anschauungen mittels originaler Schriftstücke darzustellen. Diese bilden auch heute noch den Kern der SOS-​Kinderdorf-​Idee, wenngleich –​ wie in den übrigen Kapiteln schrittweise deutlich wird –​ sich um den einstigen Markenkern ein immer größer werdender Gürtel an Hilfen für Kinder und Jugendliche herausgebildet hat.

Der Markenkern bezieht sich auf die Idee einer echten »Ersatzfamilie« für Kinder, welche während der Gründerjahre oft tatsächlich Waisen waren (was heute eher eine seltene Ausnahme darstellt). Die Dorfmutter wurde nicht als »beamtete Erzieherin« (vgl. S. 37) gesehen, sondern als »wirkliche Mutter« (ebd.). Nicht nur im Vergleich zu den damaligen klassischen Formen der Heimerziehung, sondern vor allem auch aus Sicht heutiger pädagogischer Standards in den stationären Hilfeformen der Jugendhilfe handelt es sich dabei um eine zumindest sehr kontroverse normative Festlegung.

Abseits pädagogischer Fragen und Haltungen thematisiert Münchmeier auch die organisatorische und betriebswirtschaftliche Entwicklung des Vereins. Die Finanzierung über Spendengelder stellte von Beginn an die Haupteinnahmequelle von SOS-​Kinderdorf dar. Erst langsam und –​ wenn man so will –​ »zaghaft« öffnete sich die Organisation einer Refinanzierung durch die öffentliche Jugendhilfe, wohlwissend, dass sie sich dadurch schrittweise einer inhaltlichen Diskussion stellen musste, im Zuge derer sie mit einer kontinuierlich sich akademisierenden (Sozial-)pädagogik konfrontiert sah. Kapitel sechs beschreibt diesen entscheidenden Abschnitt der Vereinsgeschichte zwischen 1975 und 1990. Zwischen Aufgabenerweiterung einerseits und Bewahrung der eigenen Identität als »Kinderdorf« andererseits musste sich der Verein immer wieder konsolidieren und –​ vor allem bezüglich der Ausdehnung des Aufgabenbereichs auf heil-​ und sozialpädagogische wie auch therapeutische Zusatzangebote –​ hinterfragen.

Münchmeier stellt sehr eindrücklich den in diesem Zeitraum stattfindenden Konflikt zwischen »Bewahrern« und »Erneuerern« dar. Das Motto, welches letztlich als Konsequenz auf diese Konfliktsituation als Konsens formuliert werden kann, bildet gleichzeitig den Untertitel zum Werk Münchmeiers: »Nur was sich ändert, bleibt bestehen«.

Als Exkurs stellt der Autor in einem kurzen Abriss das Auslandsengagement des SOS-​Kinderdorf e.V. und die Kooperation mit SOS-​Kinderdorf International dar. Zur Einleitung beschreibt der Autor die Entstehung der Idee »Ein Reiskorn für Korea«: Gmeiner forderte einen bettelnden Jungen vor Ort auf, Reiskörner (als Sinnbild für Leben, Glück und Gesundheit) zu sammeln. Mit einem Sack voll Körner kehrte Gmeiner schließlich nach Deutschland zurück und verkaufte sie mit anderen Helfern für eine Mark pro Korn. Aus dem Erlös konnten in kurzer Zeit zwei Kinderdörfer –​ in Südkorea und in Indien –​ aufgebaut werden.

Diese faszinierende Anekdote zeigt die zeitlich überdauernde Bedeutung von Persönlichkeiten wie Hermann Gmeiner auf: Eine mutige und idealistische Person wird mit einer objektiven Notsituation konfrontiert und löst diese mit einer »pfiffigen« Idee. Im Sinne des Wiener Psychologen Viktor Frankl (1905–​1997) könnte man sagen: »Das Leben stellt die Fragen und der sinnsuchende Mensch muss antworten.«

Nach einer kurzen Zusammenfassung der Entwicklungen seit der deutschen Einigung in Kapitel sieben bietet Münchmeier noch ein Resümee und einen Ausblick. Trotz aller Wandlungsprozesse, so der Autor, hat das SOS-​Kinderdorf seinen »Markenkern« nie »preisgegeben, sondern nur die Mittel zur Verwirklichung anzupassen gesucht.« Als ein auch in der Öffentlichkeit oft genanntes Beispiel soll hier stellvertretend die Öffnung des Vereins für Väter und später auch für Ehepaare als Betreuer für die Kinder stehen.

Zum genannten ideellen Markenkern gehört die Orientierung an Werten. Was auf den ersten Blick banal klingt, ist bei genauerem Hinsehen aber eine essenzielle Grundlage: In einer Zeit der auch im Bereich der Sozial-​ und Geisteswissenschaften zunehmenden Wissenschaftsgläubigkeit lässt sich die Gmeiner’sche Kinderdorfkonzeption in die Tradition der hermeneutischen Pädagogik eines Herman Nohl stellen. Klare und innerlich bejahte Wertorientierungen ermöglichen Erziehung, im Gegensatz zur nüchternen Übernahme wissenschaftlicher Erkenntnis.

Abschließend lässt sich konstatieren, dass Münchmeier dem Anspruch seines Auftraggebers durchweg gerecht wurde. Das Buch bietet eine sachlich korrekte, verständliche und kritische Chronologie anlässlich des 60-​jährigen Bestehens von SOS-​Kinderdorf in Deutschland. Die Verständlichkeit wird durch die gelungene Explikation der im jeweiligen Zeitabschnitt herrschenden gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gewährleistet. Nicht nur Freunde und Unterstützer des SOS-​Kinderdorf lesen dieses Buch mit Gewinn, sondern auch bspw. Praktiker und Studenten der Sozialen Arbeit, die sich für die Entwicklung der Sozialpädagogik und insbesondere der Kinder-​ und Jugendhilfe in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg interessieren.

Dr. Johannes Nathschläger, Unterhaching

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