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Absencen des Alltagslebens und die Jugendhilfe

Rainer Meerkamp

Mit einer Vielzahl von Leitbegriffen verstehen wir unsere soziale Welt und die Sozialberufe. Wir verwenden auch unterschiedliche Metaphern, um uns in der Jugendhilfe gut zu orientieren. Mein Sinnbild in diesem Essay ist das Herstellen von Präsenzen und Absencen.

Wegsehen hat eine Geschichte. Auch modernisierte Familien praktizieren ein Absentieren, mit üblen Folgen für Kinder und Jugendliche. Die Jugendhilfe stellt sich dem Ignorieren und dem Abwesenheitscode entgegen. Wachbleiben und Präsenzproduzieren ist Teil ihrer Sozialkunst.

Einleitung

Bei früherer Gelegenheit habe ich ans Präsenzproduzieren als positiv-konstruktiven Arbeitsmodus erinnert (Meerkamp 2014 b). Mein Anliegen möchte ich hier im Kontrast zum Präsenzporträt deutlich machen: Im Alltags- wie Berufsleben können wir eben auch Absenz herstellen. – Außerdem bringe ich eine Gegentendenz zur Schwangerschaftsbegabung und psychosozialen Geburtsarbeit in Erinnerung. Die folgenden Seiten sind allerdings auch ohne Kenntnis des »Jugendhelfers als schwangere Hebamme« (Meerkamp 2017) lesbar.

Wer das Präsenzproduzieren meidet, wird unaufmerksam und müde, sieht weg, gibt die Menschen verloren und macht sich selbst unsichtbar. Absenzhersteller kaprizieren sich auf übertünchende Verlegenheitskunststücke und erwarten, für Menschenleere in der sozialen Arbeit keinen Preis zahlen zu müssen.

Wenn Präsenz ein Arbeitsmodus ist, für den wir einerseits offenstehen und dem wir uns andererseits auch verschließen können, wenn Präsenz uns glücken, aber auch verunglücken kann, jeweils mit Folgen für Kinder und Jugendliche, dann ist unser Stellungnehmen fällig.

1. Wegsehen und Dranvorbeisehen in Alltagsleben und Kulturgeschichte

Präsenzproduzierende Menschen haben Nachbarn, die zum wachen Aufmerken und Hinsehen ganz anders Stellung beziehen (eine generalisierende Darstellung in Meerkamp 2003). Für müde Menschen, die Abwesendsein produzieren, sind Kommunikationswege ungültig und wertlos, die ihre wach daseienden Nachbarn als vollgültig und bedeutsam erfahren.

Der Mensch wird am Du zum Ich, sagt der Philosoph Martin Buber. Eine Begegnung kann niemandem verwehrt werden. Aber aus der Kulturgeschichte sind Situationen bekannt, in denen Ich und Du aneinander vorbeilaufen und vorgeben, dass sie Anwesende nicht wahrnehmen. Den Adeligen war es vor Zeiten gestattet, sich vorm Schlafengehen vor ihren Bediensteten zu entkleiden, weil ihre Untergebenen als »nicht anwesend« galten.

Der Verein Unsichtbar e.V. engagiert sich für »Menschen am Rande der Gesellschaft«, die vom braven Bürger übersehen werden: Der tut so, als ob der Obdachlose nicht da wäre, der direkt vor ihm steht und einen Euro haben will.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Heft der Zeitschrift jugendhilfe

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