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Der Jugendhelfer als schwangere Hebamme

Fragen zu einem fruchtbaren sozialberuflichen Arbeitsmodus

Rainer Meerkamp

Wir nutzen unterschiedliche Leitbegriffe und Metaphern, um uns und unsere tagtägliche Jugendhilfe gut zu verstehen. Das Sinnbild, das ich verwende, ist »Der Jugendhelfer als schwangere Hebamme«.

Jugendhelfer sind bereit für Empfängnis und »geistige« Wehen. Sie gehen schwanger mit problematischen psychosozialen Situationen. Sie haben ein offenes Ohr für die inspirierenden Musen und nutzen ihr unbewusstes Wahrnehmen als Hauslieferant beim Problemelösen.

Ihre sozialen Interventionen sind fruchtbar. Sie praktizieren die Kunst des Neubeginnens. Sie bringen ihre häufig nur halbgeborenen jungen Klienten mit ihrer Abnabelungspraxis in ein besseres, leichteres und lebendigeres Leben. Als Hebammen geben sie erste Hilfen.

Der Weg der empfänglichen, schwangeren Hebamme ist in der Jugendhilfe nicht der einzig gangbare Weg. Psychosoziale Geburtsarbeit und Entbindungsmentalität kann in Vergessenheit geraten. Deshalb verbinde ich meinen Beitrag zu diesem Arbeitsmodus mit Fragen an die werten Leserinnen und Leser.

Einleitung

»Wer uns nicht fruchtbar macht, wird uns sicher gleichgültig.« (Friedrich Nietzsche)

Ständig machen wir Anfänge. Das Einen-neuen-Anfang-Machen bietet uns eine Schwierigkeit und ist eine Lebenskunst. Johann Wolfgang Goethe weiß: »Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande.« (1976, S. 165) Dieses Wort geht auch die Sozialberufler etwas an. Mit jedem Eröffnungsschritt bei ihren Hilfsbemühungen und in jedem Erstgespräch stellen sie Weichen in der sozialen Welt, die Erfahrungen gelungenen Zusammenarbeitens möglich machen. Oder sie stellen die Weichen falsch und verspielen gleich zu Beginn Chancen einer »frühen Hilfe«.

Guter Anfang ist halbe Arbeit, sagt man. Es gibt eine Lebenskunst des Begrüßens, Beginnens und Neuanfangens (und eine Kunst des Verabschiedens, Abschiednehmens und Aufhörens). Die Sozialberufler kennen das Thema. Sie lernen Menschen kennen, die nichts mehr mit sich anzufangen wissen, sie arbeiten mit an Lebenserleichterungen, sie geben eine gute Starthilfe (und bei Bedarf auch eine erleichternde Schlussmachhilfe).

Ich knüpfe an einen überlieferten Bilderschatz des Anfangens, Schwanger- und Fruchtbarseins an und nutze die Daseinsmetapher der Geburt für unsere Kunst des Neubeginnens. Ich kümmere mich um die Vielfalt von helfenden Praktiken und sozialberuflichen Rollen – im Anschluss an frühere Beiträge (Meerkamp 2005, 2006, 2007a, 2007b). Zugleich setze ich meinen Beitrag zum Präsenzproduzieren in der Jugendhilfe fort (Meerkamp 2014b).

Stichwort »Professionelles Helfen«: Welche Schlüsselkompetenzen nutzt man, wenn man gute Jugendhilfe macht? Auf welche Handlungsfähigkeiten setzen erfolgreiche Sozialhelfer? In welchem Arbeitsmodus machen sie sich nützlich? Welches Verhalten verdient das Prädikat »gute Professionalität«? Eine Antwort ist: Man kann schwanger werden und psychosoziale Geburtshilfe leisten. Das zähle ich zur Professionalität und zur Tätigkeitslehre/Praxeologie in den Sozialberufen.

Stichwort »Lernen in der Jugendhilfe«: Ich erinnere an eine Aufgabe, die in Vergessenheit geraten kann, an die Befähigung zum Schwangergehen und an die Arbeit als psychosoziale Hebamme von nicht zu Ende geborenen Kindern und Jugendlichen. Wir können lernen, in diesem Arbeitsmodus besser zu werden.

Mein berufsbiographischer Hintergrund als Autor: 2011 begann ich die wissenschaftliche Begleitung in einem Schulmüdigkeits-Projekt, das Jugendzentren Köln gGmbH ins Leben gerufen hat. Beim Nachdenken über die Aufgaben der Profis (Meerkamp 2014a) schien mir der Geburtshelfer-Modus wichtig zu sein: Die um ihr soziales Geborenwerden kämpfenden Jugendlichen sind nicht zu Ende geboren, manche ziehen sich in ein Ghetto zurück, und alle brauchen Geburtshilfe beim psychosozialen In-die-Welt-Kommen.

Indem ich einen Terminus aus dem 16. Jahrhundert metaphorisch verwende, spreche ich vom Handlungskonzept der Geburtsarbeit in den Sozialberufen. Mit einer Anleihe beim aktuellen heilberuflichen Vokabular spreche ich vom Entbindungspfleger und frage, welche Rolle er hier übernimmt.

In jedem Abschnitt dieses Beitrags treffen Sie, meine sehr geehrten Leserinnen und Leser, auf Fragen an Ihre geburtsarbeiterische Praxis und Ihre Entbindungsmentalität.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Heft der Zeitschrift jugendhilfe

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