Thema 

 



Abschied vom Perfektionismus

Peter Schneider/Line Tabakovic

Der Umgang von Erwachsenen mit Kindern und Jugendlichen ist durch Auseinandersetzungen um Regeln geprägt. Dieses Thema wurde in den letzten Jahren mit Berichten über sogenannte Problemschulen bis hin zur Debatte um einen Handschlag zur Begrüßung mit viel rhetorischer Aufregung medial verarbeitet. Strenge Disziplin und eine rigorose Durchsetzung von Regeln sind wieder in Mode gekommen, wobei die Inhalte angewendeter Regelwerke relativ zufällig und oft nicht sinnvoll zu begründen sind. Das Mittel wird zum Zweck, Regeln erhalten einen quasi-religiösen Charakter, der nicht mehr infrage zu stellen ist. Wer jedoch den Wunsch hegt, dass aus Kindern und Jugendlichen später mündige Erwachsene werden, die in der Lage sind, mit dem komplexen Geflecht von Regeln und Normen in einer Gesellschaft souverän umzugehen, sollte bemüht sein, diese überschaubar, nachvollziehbar und vor allem verhandelbar zu gestalten.

In den letzten zehn Jahren konnte der Eindruck entstehen, nichts im Umgang von Erwachsenen mit Kindern sei bedeutsamer, als den Kleinen das Befolgen von Regeln beizubringen. Ein wahrer Grenzen-Setz-Furor hat sich in diesen Jahren der Alltagspädagogik bemächtigt.

Mit Bernhard Buebs (2006) »Lob der Disziplin« wurde die Schulordnung eines Internats auf die Familie projiziert und zum Modell elterlicher Erziehung erklärt, so, als gäbe es keinen inneren Widerspruch zwischen instititutionell-gesellschaftlicher Ordnung und der Familie. Paradoxerweise war diese theoretische Überblendung der Strukturen von Gesellschaft und Familie auch ein wesentlicher Teil der antiautoritären Pädagogik der 68er-Bewegung und deren kurzschlüssiger Rezeption der Psychoanalyse, insbesondere in Form der Schriften Wilhelm Reichs. Sowohl Bueb als auch der erst in den sechziger Jahren breit rezipierte Alexander Sutherland Neill gingen und gehen gleichermaßen von der strukturellen Analogie von Familie und Kultur – der Familie als Keimzelle der Gesellschaft – aus, wenngleich sie diametral unterschiedliche Schlüsse aus ihrer Prämisse ziehen. Als Stephen King des pädagogischen Horror-Genres brachte sich dann der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff mit seinem Buch »Warum unsere Kinder Tyrannen werden« von 2008 in Stellung. Auch die beiden Nachfolgebände von 2009 und 2010 tragen den Tyrannen im Titel (Winterhoff 2008/2009/2010).

Die Forderung, Erziehung der Maxime »In Tyrannis« zu unterstellen, jenem Motto also, das Schiller seinem vorrevolutionären Sturm-und-Drang Drama »Die Räuber« von 1782 vorangestellt hatte, kam einigermaßen überraschend. Gegen welche feudale Unterdrückung durch Drei- bis Sechsjährige hätten sich ausgerechnet im Jahre 2008 die Erwachsenen zur Wehr setzen müssen? Auf welchen Barrikaden aus Legosteinen, Bauklötzen und Playmobil-Burgen hätten die Eltern ihre Freiheitsrechte gegen die Privilegien ihrer Kinder verteidigen müssen? Bestand die Unfreiheit der Eltern nicht wie schon in all den Jahren zuvor nicht vor allem daraus, für ihre Kinder da sein zu müssen; so wie die Unfreiheit der Kinder wie schon immer darin bestand, noch viele Jahre existentiell auf ihre Eltern angewiesen zu sein? Und war das Erziehungsklima nicht gerade in den letzten vierzig Jahren wesentlich milder geworden?


Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Heft der Jugendhilfe.

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