Thema 

 




Grenzen setzen mithilfe von Körpereinsatz: Verstoß gegen das »Gewaltverbot in der Erziehung« und/oder entwicklungsförderliche Intervention?

Mathias Schwabe

Mit Hilfe dreier Beispiele werden pädagogische Kriterien entwickelt, die den Einsatz von Körperkraft/Zwang/Gewalt in bestimmen Fallkonstellationen und Situationen als sinnvoll, weil entwicklungsförderlich erscheinen lassen, auch wenn Selbst- und Fremdgefährdungen nicht vorliegen, sondern es »nur« um die Durchsetzung von pädagogischen Regeln und Forderungen geht. Gleichzeitig wird die Spannung solcher ­Handlungen zu pädagogischen Grundüberzeugungen und zur Gesetzeslage aufgezeigt. Für einen verantwortlichen Umgang mit Zwang werden elf institutionelle Einbettungen empfohlen. Zum Schluss wird der Begriff »enabling violation« der indischen Literaturwissenschaftlerin Gayatri C. Spivak skizziert, um die unaufhebbaren Ambivalenzen solcher Grenzsetzungen theoretisch und praktisch aufzuzeigen.

Drei Beispiele, die zeigen sollen, worum es in diesem Artikel geht:

– Roman, 11 Jahre, rülpst und furzt wiederholt am Tisch. Die anderen Hortkinder fühlen sich belästigt und beschweren sich bei der Erzieherin. Die fordert Roman auf, an einem anderen Tisch alleine weiterzuessen. Sie bietet ihm an, ihn dorthin zu begleiten und sich zu ihm zu setzen. Als er sich weigert, kündigt sie ihm an, dass sie ihn anfassen und dorthin bringen wird. Roman steht nicht auf. Sie tritt auf ihn zu und zieht ihn vom Stuhl. Dabei muss sie Kraft aufwenden. Er steht zwar auf, bewegt sich aber nicht. Sie stellt sich hinter ihn und bugsiert ihn abwechselnd mit dem Druck ihres rechten und linken Knies auf seine Kniekehlen Schritt für Schritt durch den Raum. Gleichzeitig muss sie ihn hochhalten, weil er sich schlaff macht und zu Boden plumpsen würde. Als sie an dem Tisch angekommen sind, bedankt sie sich für seine Kooperation und bringt ihm sein Essen.

– In einer Intensivgruppe für Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren, die aufgrund von Gewalttaten aus Schule(n) und Heim(en) entlassen worden waren, gibt es eine zentrale Regel: Keine körperliche Gewalt. Wer eine andere Person tätlich angreift, muss die Gruppe für 3 Tage verlassen, wird ca. 70 km weit in die Natur gefahren und wandert in Begleitung eines Sozialpädagogen den Weg zurück. Wieder im Heim angekommen, berichtet der Jugendliche der Gruppe, was er inzwischen über seine Gewalttat denkt und zu welchen Wiedergutmachungsleistungen er bereit ist. Wenn er sich weigert ins Auto zu steigen, wird er von vier Personen so verletzungsarm wie möglich aus dem Haus getragen und zumindest eine Auszeit von drei Tagen durchgesetzt (im Garten wird ein Zelt aufgestellt und ihm das Essen nach draußen gebracht). Eltern werden daran beteiligt, ihren Sohn zu dieser Zwangswanderung zu motivieren. Mehrfach haben sie selbst mit Hand angelegt, um diese Regel durchzusetzen oder waren zumindest präsent, um ihre Haltung zu demonstrieren. Meist reichte ihr Dazukommen jedoch aus, um den Jugendlichen zum Einsteigen zu bewegen.

– Tom ist 13 Jahre alt und lebt seit gut einem Jahr im X-Heim. Er möchte sich Taschengeld abholen, erfährt aber von dem diensthabenden Erzieher, Herrn Meier, dass er es aufgebraucht hat und noch drei Tage warten muss, bis er neues Geld bekommt. Tom zeigt sich darauf sehr wütend, beschimpft Herrn Meier und droht an, dessen Auto zu beschädigen. Er nimmt sich eine Schere vom Schreibtisch und rennt damit hinaus.
Herr Meier überlegt zwei Minuten und beschließt ihm zu folgen. Tom ist tatsächlich Richtung Parkplatz unterwegs. Als er sieht, dass der Erzieher ihm folgt, beginnt er zu rennen. Beide kommen etwa gleichzeitig beim Auto an. Herr Meier bittet Tom, das Auto aus dem Spiel zu lassen in ihrem Konflikt. Tom schreit ihn an und zückt die Schere. Herr Meier hechtet sich auf ihn und entwindet Tom als Erstes die Schere. Er hält ihn dann noch ca. 10 Minuten am Boden liegend fest, weil Tom sich immer wieder heftig wehrt und weitere Beschädigungen androht.

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Heft der Jugendhilfe.

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