Thema 

 





Hochbegabung

Olga Graumann

Kinder und Jugendliche mit einer Hochbegabung haben zunächst Stärken und Schwächen, Vorlieben und Interessen wie alle Kinder und Jugendlichen. Hochbegabung ist keine Behinderung. Es sollen in diesem Beitrag jedoch Belastungsfaktoren benannt werden, die ernst genommen werden müssen. Und es wird der Frage nachgegangen, ob separate oder inklusive Förderung wirkungsvoller ist.

1. Wann gilt ein Mensch als hochbegabt?

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe der Zeitschrift Jugendhilfe ist dem Thema: »Belastungsfaktoren von jungen Menschen« gewidmet. Nun könnte man denken, dass eine Hochbegabung keinesfalls zu den Belastungsfaktoren gezählt werden kann, denn es ist ja ein Geschenk, begabter zu sein als die meisten anderen Menschen. Andererseits ist die Meinung, Kinder und Jugendliche mit einer Hochbegabung seien unterfordert und verhaltensauffällig weit verbreitet. Das Phänomen der Hochbegabung ist in der Tat sehr komplex.

Als Erstes stellt sich die Frage, wann gilt ein Mensch als hochbegabt? Eine »Begabung« als Faktor zu messen, wurde erst mithilfe der Intelligenzforschung und der Entwicklung von Intelligenztests Anfang des 20. Jhs. möglich. Binet (1857–1911) entwickelte 1905 den ersten Intelligenztest. Stern (1871–1938), Begründer der Differenziellen Psychologie, benannte 1912 den »Intelligenzquotienten« (IQ), d.h. der Intelligenztest wurde auf das jeweilige Lebensalter bezogen. Bahnbrechend für die Begabtenforschung waren die Ergebnisse der Langzeitstudien, die Terman und seine Mitarbeiter ab 1921 in Kalifornien (USA) durchführten. Bis 1959 ging das Team unterschiedlichen Fragestellungen nach. Das Forschungsziel war die genaue Beschreibung begabter Kinder und die Identifizierung der ihre Leistungen beeinflussenden Faktoren sowie ihre Produktivität als Erwachsene (Feldhusen 1989, S. 48 ff). Selektionskriterium für eine Zuweisung zur Gruppe der besonders Begabten war nach Terman ein IQ von 140 und darüber.

»Begabung ist kein Verdienst, sondern eine Verpflichtung« schrieb Stern 1916 (S. 111) und plädierte dafür, den überdurchschnittlich intelligenten Kindern aus den unteren Schichten den Weg zum Aufstieg zu ebnen. Petersen (1884–1955) gab 1916 im Auftrag des Deutschen Ausschusses für Erziehung und Unterricht ein Buch heraus mit dem Titel: »Der Aufstieg der Begabten«. Neben den intellektuellen Begabungen wurden nun auch handwerkliche und technische Begabungen einbezogen. Es ging vor allem darum, die »eigentliche Befähigung eines Kindes zu fördern, da Deutschland jede Befähigung am rechten Ort brauche«.

In der Zeit des Nationalsozialismus, in der die Menschen unter rassebiologischen Gesichtspunkten eingestuft wurden, war eine objektive Begabtenforschung grundsätzlich nicht möglich. Der sogenannte »Kalte Krieg« dagegen und die Sorge, mit der fortschreitenden Entwicklung in der UdSSR nicht mithalten zu können, führten Ende der 1950er-Jahre zu einer breit angelegten Begabtenforschung in den USA und in den 1960er-Jahren auch in West-Europa. Auch die Forderung nach mehr Chancengleichheit im Bildungssystem hat hier ihren Ursprung. Man musste alle Begabungsreserven nutzen, um mit der Entwicklung der Weltwirtschaft Schritt halten zu können und man erkannte, dass Begabungen auch in den unteren Sozialschichten zu finden sind. Die Sorge um mehr Bildung für Unterprivilegierte spaltete die Pädagogen jedoch in dieser Zeit: Die einen wollten sich nur noch um die Bildung der Unterprivilegierten bemühen und lehnten es geradezu ab, begabte Kinder zusätzlich zum normalen Unterricht zu fördern. Die anderen forderten, dass die besser Begabten in Eliteschulen gesondert gefördert werden sollen. Diese Diskussion wird bis heute kontrovers geführt (s. Punkt 5.).

Den vollständigen Beitrag finden Sie im aktuellen Heft der Jugendhilfe.

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